| |
Rituale und meditative Elemente im RU
Einige Beispiele aus einem Workshop im Rahmen einer religionspädagogischen Fortbildung des Schulreferates der Diözese Augsburg am
29.06.2002
Durchführung des Workshops, Texte von: Josef Kühn, Jugendseelsorger der Diözesanregion Donau-Ries
Textrechte, sofern es sich nicht um gekennzeichnete Zitate handelt, beim Autor
1. Rituale während des RU
1.1. Rituale
Rituale sind geregelte und festgelegte Handlungsabläufe. Sie entlasten einzelne wie Gruppen vom Zwang, in bestimmten Situationen immer wieder neu über das richtige Verhalten entscheiden zu müssen.
1.1.1. Unterste Ebene: "Alltägliche Rituale" (Bieritz)
Gewohnheiten, die den Tag beginnen und abschließen
Interaktionsrituale
1.1.2. Mittlere Ebene: "Rituale der Alltagswelt" (Bieritz)
Lebenszeitliche Übergänge
Jahreszeitliche Übergänge
1.1.3. Dritte Ebene: "Rituale der Alltagsweltansicht (Weltanschauung)" (Bieritz)
Abstand vom Alltag - der Alltag wird ansichtig
Der Handelnde geht ganz in der Handlung auf. Er erlebt sie wie in einem Fluss.
Weiterführender Artikel: Karl-Heinrich Bieritz, Ritual, in: Glaube und Lernen 13 (1998/1), 11-23.
1.2. Beispiele für Rituale
1.2.1. Anfangsrituale
Kreuzzeichen
Gebet
Lied
Bibelwort in den Tag (Tageslosung)
Wahrnehmungsübung
Weihwasser
Gebetshaltungen
Stille
1.2.2. Routinehandlungen
Stuhlkreis
Ortswechsel zum Meditationsraum
"Auszeit"
1.2.3. Schlussrituale
Segensbitte, Beispielgeschichte: Förderschule. Die Unterrichtsstunde verlief wieder einmal total anders als geplant. Sie geht zu Ende. Es ist fast Zeit zum Schlusssegen - der ihnen, wie sie inzwischen wissen, nie erspart bleibt. Veronika muss unbedingt noch ihren ausführlichen Kommentar zur Stunde abgeben. Es läutet. Gianni dreht sich zu Veronika um: "Halt's Maul, jetzt kommt der Segen! Ich will in die Pause." Alle sprechen mit: Der Herr segne uns, und behüte uns ... und gebe uns seinen Frieden.
Geschichte nacherzählt nach: Inger Hermann, "Halt's Maul, jetzt kommt der Segen..." Kinder auf der Schattenseite des Lebens fragen nach Gott, calwer Stuttgart 1999, S. 26.
1.3. Exkurs: Mystagogie
Karl Rahner: Der Fromme von morgen wird ein "Mystiker" sein, einer, der etwas "erfahren" hat, oder er wird nicht mehr sein. (in: Schriften zur Theologie VII, Freiburg ²1971,11-31.)
Der Mensch ist das Wesen der Transzendenz.
Die Transzendenz ist kein aufgesetzter Überbau, sondern ein Grundmoment der menschlichen Erfahrung.
Mystagogie setzt wie die Mäeutik des Sokrates einen Prozess in Gang, in dem der Mensch entdeckt, was Gott in ihm angelegt hat und zum neuen Leben erweckt werden soll.
Optionen für eine mystagogische Bildung:
"Setze bei der konkreten Situation der Jugendlichen an!"
"Auch wenn deiner Meinung nach der Lernende in die falsche Richtung läuft - zum Beispiel nach Emmaus statt nach Jerusalem, wirst du dich anschließen und damit beginnen, Fragen an ihn zu stellen - keine Antworten. Lass es sein, die ‚einzig' richtige Richtung anzugeben!"
"Suche fette Weiden auf! - Wähle die passende Methode!"
"Wähle Arbeitsformen, bei denen undeutlich bleibt, was herauskommt, in denen Spiel, Kreativität und Spontaneität zentral sind. Erkläre nicht immerzu alles. Man erzählt einem Kind Märchen, aber übt keine Literaturwissenschaft."
Zitate aus: Tjeu van den Berk, Die mystagogische Dimension religiöser Bildung, in: Werner Tzscheetzsch, Hans-Georg Ziebertz (Hrsg.) Religionsstile Jugendlicher und moderne Lebenswelt (=Studien zur Jugendpastoral 2), Don Bosco, München 1996, 211-229, hier: 223, 226.
2. "Lebenswert"
2.1. Bis Ende Juli 2002 veröffentlichte die "Süddeutsche Zeitung" jede Woche montags in ihrer Jugendbeilage "jetzt!" 25 Gründe, warum es sich in dieser Woche zu leben lohnt.
Auf der Homepage der SZ sind sie zu lesen.
2.2. Aufgabe:
2.2.1. Schreib selber einige gute Gründe auf, warum es sich heute zu leben lohnt; es müssen ja nicht unbedingt 25 sein! Lass dir etwas Witziges, Ironisches, Philosophisches, Nachdenkliches, Oberflächliches, Tiefsinniges einfallen.
2.2.2. Schreibe ein bis drei deiner Gründe anonym oder mit Namen auf jeweils einen bereitgelegten Zettel!
2.2.3.Haltet die besten Einfälle aus eurer Klasse auf einem Plakat fest und lasst dieses die Woche über hängen!
3. Meditation über einen Kieselstein
Material: abgerundete Steine, keine Splittsteine.
Am Grund des Baches haben alle Steine die gleiche graubraune Farbe, nur in der Größe unterscheiden sie sich.
Sobald das Wasser sie umspült,
zeigt jeder Stein seine eigene Farbe und seine eigene Gestalt:
Blaue und grüne Steine werden sie, oder braune und graue, so, wie sie immer schon waren.
(Pause)
Es ist wie bei uns Menschen:
Wer uns nicht genau kennt, der verwechselt den einen mit dem anderen. Und dabei ist doch jeder anders.
Ich möchte die Menschen kennen lernen, so wie sie sind:
Jeder hat seine eigene Art.
Wir sind Gottes Maßarbeit und keine Konfektionsware.
(Pause)
Nun liegt der Stein in meiner Hand, mit seiner eigenen Farbe und seiner eigenen Form. Ich ertaste ihn mit meinen Händen und ich sehe ihn mir genau an.
(Pause)
Vor vielen tausend Jahren war er noch ein Stück Fels, irgendwo auf einem Berg.
An ihm wurde gearbeitet:
Wind, Wasser und wechselnde Temperaturen sprengten ihn heraus. Steine im Geröll rieben an ihm.
Das ihn umfließende Wasser übte sanfte, aber hartnäckige Gewalt auf ihn aus, machte ihn rund und transportierte ihn über große Entfernungen talwärts.
Seine heutige Form erhielt er in der Begegnung mit anderen Elementen. Niemand hat ihn gefragt, und dennoch haben viele an ihm gearbeitet.
Ich habe viel gemeinsam mit diesem Stein: Viele haben an mir gearbeitet, bis ich meine heutige Form erhielt. Meine Farbe aber, die gab mir ein anderer mit auf den Weg.
Mit Steinen kann ich Häuser bauen,
Häuser, in denen Menschen wohnen.
Mit Steinen kann ich Brücken bauen,
Brücken, über die Menschen zueinander finden.
Mit Steinen werden Straßen gebaut,
auf ihnen werden Nahrungsmittel und Waren transportiert,
von einem Ort zum anderen, von Mensch zu Mensch.
Mit Steinen kann ich etwas aufbauen, gestalten.
Dazu brauche ich meine Phantasie, mein Urteilsvermögen und meine Tatkraft.
Meinen Stein kann ich einfügen in ein großes Ganzes
und beitragen, dass die Welt gestaltet wird.
(Pause)
Mit Steinen werden aber auch blutige Auseinandersetzungen geführt. Menschen gehen mit Steinen aufeinander los.
Mit Steinen wurde Stephanus getötet, weil er sich zu Gott bekannt hatte.
Steine kann ich anderen Menschen in den Weg legen, dann kommen sie nicht oder schwerer zum Ziel.
Wenn mich alles kalt lässt, dann ist es, als hätte ich ein Herz aus Stein.
Steine können Lasten sein. Sorgen ziehen mich nach unten. Ich lasse den Mut sinken und den Kopf hängen.
(Pause)
Doch dieser Stein liegt jetzt in meiner Hand.
Ich kann ein anderes Haus bauen, Raum schaffen,
Raum, in dem Menschen sich wohl fühlen.
Ich kann Brücken bauen zu den anderen hin.
Wenn ich einen Menschen gern habe,
dann hat er bei mir einen Stein im Brett.
Wenn ein Mensch bei mir etwas gut hat, weil auch er mir einen Gefallen getan hat, dann sage ich: "Ich werde dir auch einmal einen Stein in deinen Garten werfen."
Manchmal sagt ein Mensch zu mir: "Es ist gut, dass du wieder da bist. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen!"
Einmal wird man mir einen Stein über den Kopf stellen: Mein Name steht darauf und mein Geburtstag und noch ein anderer Tag.
Dann werden Menschen kommen und sagen: Seht, das war dieser Mensch! Bin ich dann der gewesen, für den mich die anderen halten? Steht am Ende nur der Stein?
(Pause)
Dem gekreuzigten und gestorbenen Jesus haben sie auch einen Stein vor seine letzte Kammer gerollt. Hinter diesem Stein sollte er vergehen. Doch bei ihm kam der Morgen, die Frauen sahen, dass der Stein weggerollt war (Mk 16,3). Der, der ihn wegrollte, war größer als die, die ihn hinrollten.
"Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden" (Mt 21,42b), so steht es über Jesus in der Bibel. Ob er auch den Stein über meinem Kopf wegnehmen kann, so wie sein Stein weggewälzt war und das Leben nicht aufhalten konnte?
(Pause)
Ich sehe jetzt meinen Stein noch einmal an.
Er ist inzwischen warm geworden, so warm wie meine Hand. Er ist mir vertraut geworden. Ich würde ihn unter vielen anderen Steinen wiedererkennen.
Er ist ein Symbol für mich:
geschaffen von Gott, einzigartig, unverwechselbar in Form und Farbe,
geschliffen durch meine Geschichte, gerieben an den Menschen um mich herum,
Baustein im Haus der Welt,
Brückenstein,
schwerer Stein,
Stein, der mich fragt: "Merkst du, dass du lebst?"
Stein, der mir sagt: "Du hast Zukunft!"
Stein, der mir vertraut und anvertraut ist,
Stein meiner Hoffnung, weil der schwerste Stein weggewälzt ist.
"Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden" (Apg 4,11). In den Bau, in dem der lebendige Christus der Eckstein ist, kann ich meinen Stein getrost einfügen.
Hinweis zum Text: Es handelt sich um eine stark überarbeitete Fassung einer Textvorlage, deren Autor/in nicht mehr auszumachen ist
4. Die Faust aufmachen
4.1. Hintergrund: Beten = "Die Faust aufmachen"
Zu Ps 143,6 "Ich breite die Hände aus und bete zu dir. Meine Seele dürstet nach dir wie dürres Land." schreibt der Liturgiewissenschaftler Balthasar Fischer: "Mir ist der Sinn dieser uralten Gebärde neu aufgegangen, als ich eines Tages las, die Assyrer hätten ein Wort für beten, das so viel heißt wie ‚die Faust aufmachen'. Die Faust, vor allem die erhobene, drohende ist das Zeichen des selbstherrlichen, ja des gewalttätigen Menschen. Mit der geschlossenen Faust umklammert der Mensch das, was er nicht hergeben will; mit der geballten Faust kann er angreifen und wehtun, ja, wenn es schlimm kommt, jemanden niederschlagen, dass er nicht mehr aufsteht."
4.2. Übungen
4.2.1. Partnerarbeit: Die Lehrerin fordert die Schüler auf, dass einer versucht, dem anderen die Faust zu öffnen. Gegen Ende des Versuches fragt die Lehrerin: Hat jemand seinen Nachbarn gebeten: "Öffne bitte deine Faust!"? Das wäre ja auch möglich gewesen. Nur leider denken wir eigentlich eher zuerst an gewaltsame Konfliktlösungen.
4.2.2. Einzelarbeit: Jede Schülerin erhält ein Jongliertuch. Die vier Ecken des Tuches werden ein paar mal jeweils zur Mitte gefaltet, bis es ganz klein ist und auf die Handfläche passt. Dann wird die Hand zugedrückt; noch sichtbare Tuchteile werden in die Faust hineingeschoben. Der Lehrer gibt Impulse:
"Drücke in Gedanken in die Faust alles hinein, was dich ärgert. Drücke fest zu."
"Lass nach mit dem Druck, nimm ihn ganz raus."
"Jetzt öffne ganz langsam deine Faust und betrachte, was passiert." (Das Tuch entfaltet sich wie eine Blüte.)
"Wo ich die Faust aufmache, den Druck rausnehme, kann sich das Leben entfalten"
4.2.3. Meditation "Die Faust aufmachen"
Ich betrachte meine Hände.
Sie sind sehr vielseitig: Ich kann sie ins Wasser tauchen, eine Schale machen und daraus trinken. Mit meinen Händen bereite ich ein Mahl zu und nehme das Essen zu mir.
Mit meinen Händen pflege ich meinen Körper und arbeite. Mit meinen Händen mache ich Türen auf, öffne Fenster und räume Gegenstände aus dem Weg. Mit meinen Händen halte und stütze ich andere. Zur Begrüßung gebe ich dem Menschen, der mir begegnet, die Hand. Ich klopfe ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Aber ich kann auch anders.
Ich balle meine Hand zur Faust.
Mit denselben Händen kann ich auch Schaden zufügen. Ich spüre in meinen Händen die Kraft und die Anspannung. Alles, was nicht widerstandsfähig genug ist, wird durch die Faust zerdrückt. Ich kann mit ihr auf den Tisch hauen, wenn mir etwas nicht passt. Ich kann mich mit ihr zur Wehr setzen, wenn jemand mich angreifen will. Mit Fäusten gehen Menschen aufeinander los. Die erhobene Faust gilt als Zeichen der Bereitschaft zum Kampf. Sie ist wie ein Knüppel, sie kann nur kräftig draufhauen.
Sie hat kein Gefühl. Sie hat sich nicht im Griff. Sie ist blind vor Wut und taub durch den Lärm der Angriffslust, die sie umhertreibt. Sie sucht ihre Opfer. Sie sucht weitere Täter und drängt dazu zu eskalieren und eine Lawine ins Rollen zu bringen.
Sie kann nicht halten, nicht stützen, nichts annehmen - kein Geschenk, keine Entschuldigung und keine versöhnende Geste. Mit der Faust ist nichts zu lösen.
Ich löse die Faust.
Nicht dass damit schon all meine Wut, meine Enttäuschung, mein Aufschreien, meine Bitterkeit verflogen wären, aber die Faust muss aus dem Spiel. Die ausgebreitete, offene Hand muss dafür eingewechselt werden.
Aufgemacht, gelöst, geöffnet kann meine Hand wieder geben, halten, stützen und empfangen. Meine Hand ist offen und mit meiner Hand bin ich es ganz.
Beten heißt "die Faust aufmachen".
Mit dem Öffnen der Faust umschrieben die Assyrer das Beten. Beten geht nicht mit geballter Faust. Im Namen Gottes können keine Schwerter gezückt und keine Gewehre auf ein feindliches Ziel gerichtet werden.
Beten nimmt aus meinem Inneren allen Zorn. Im Gebet halte ich meine Sache mit offenen Händen Gott hin. Im Gebet stehe ich mit leeren, geöffneten Händen vor Gott und bin bereit, die Gabe des Friedens aus Gottes Hand zu empfangen. Durch das Gebet wächst mir von Gott die Kraft zu, dem Gegner die Hand zur Versöhnung hinzuhalten.
4.2.5. Gebet
Guter Gott, die Welt schreit nach Gerechtigkeit: Menschen zerstören das Leben anderer und lehnen sich gegen das Leben auf. Menschen werden Opfer der Gewalt.
Wir erkennen unsere Ohnmacht,
weil wir das Unrecht nicht verhindern können.
Doch wir wollen unseren Kopf nicht in den Sand stecken,
sondern unser Licht hochhalten
gegen die Dunkelheit der Gewalt.
Gib uns einen wachen Geist,
der Recht von Unrecht unterscheidet,
und Mut, für das Recht einzutreten.
Lass uns leben nach dem Beispiel deines Sohnes,
der das Unrecht nicht duldete,
der heilte, wo Verwundungen waren,
und den Weg der Gewaltlosigkeit ging.
Ihn hast du gesandt, damit alle zum Leben gelangen,
Christus unseren Herrn. Amen.
5.Wut überwinden
5.1. Infomationen für die Schüler/innen
Nach dem Aufschreiben dessen, was euch wütend macht, darf jede/r ihren/seinen Wutzettel zusammenknüllen und in eine Ecke werfen. Diese Wutzettel werden ungelesen in den Papierkorb geworfen. Wer den Wutzettel weggeworfen hat, nimmt sich ein Teelicht und stellt es auf.
5.2. Auf dem Wutzettel könnte in etwa stehen: Schreibe hier auf, was oder wer dich wann wütend macht oder heute schon wütend gemacht hat. Zerknülle den Zettel und schmeiße ihn in die Ecke. Er wird später ungelesen in den Papierkorb geworfen.
5.3. Meditation "Wandle mich!"
Ich habe mich vergessen!
Wut im Bauch. Grün und blau geärgert.
Im Spiegel ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.
Eine Laus über die Leber gelaufen.
Ich kenne mich selbst nicht mehr.
Ich schreie meine Wut hinaus.
Die Stereoanlage lässt mir die Ohren dröhnen.
Das Gaspedal lässt sich tief durchdrücken.
Die Tür fällt laut ins Schloss.
Ich lasse rohe Kräfte sinnlos walten.
Ich wehre mich; ich sehe ein:
So geht das nicht mehr weiter!
Das führt doch zu nichts.
Die Freude geht verloren.
Ich sehne mich nach Frieden.
Eigentlich will ich mich ja ändern,
meinem Ärger, meiner Wut die Grenzen zeigen.
Mit Ärger und Wut im Bauch schade ich mir nur selber!
Ich kann mich aber nicht alleine ändern.
Du, Gott, wirst mich unterstützen.
Du kennst mich durch und durch,
auch mit meinen Schattenseiten.
Ich bitte: Wandle mich!
Lass Frieden in mir einkehren!
6. Krisenzeiten im Schulalltag
6.1. Todesfall in der Familie einer Schülerin
Gespräch innerhalb der Klasse über den Tod, den Umgang mit dem Tod, den einfühlsamen Umgang mit der Mitschülerin
Brief an die Hinterbliebenen: Damit wird die Anteilnahme ausgedrückt. Die Mitschülerin und deren Familie erfährt so auch, dass die Klasse um ihre Situation weiß.
Teilnahme an der Feier der Beerdigung, wenn möglich und stimmig
Beileidsbekundung stellvertretend durch eine Schulfreundin: Nicht alle Schüler haben eine gleich intensive Beziehung zu ihrer Mitschülerin; für manche wäre die persönliche Beileidsbekundung womöglich aufgesetzt und nicht stimmig. Außerdem steht die Mitschülerin der Klasse sozusagen gegenüber und muss immer wieder dieselben Worte hören und mit verweinten Augen ihrem Gegenüber ins Gesicht schauen. Die Schule kann und soll für sie jetzt aber ein Ort sein, wo sie Normalität erfährt - wenn das überhaupt möglich ist.
Brennende Kerze
Psalm/Gebet
Ein passender Psalm (Ps 23, Ps 27, Ps 90, Ps 91; Ps 121, Ps 143 - in Auswahl) oder ein Gebet wird vorgetragen:
Allmächtiger Gott, hilflos stehen wir dem Sterben gegenüber;
es fällt uns schwer, den Tod zu begreifen
und zu bejahen, dass N.N. jetzt nicht mehr lebt.
Wir wollen fragen: "Warum? - Doch niemand wird antworten.
Du wirst ihm/ihr jetzt das geben,
was er/sie auf Erden noch gern weiter erlebt hätte,
Frieden, Gemeinschaft, Freude, Erfüllung, Leben.
Nimm N.N. bei der Hand und führe ihn/sie zum neuen Leben,
das keinen Schmerz und keinen Tod mehr kennt.
Dein Licht leuchte in die Dunkelheit der Trauer und der Klage.
Es gebe Frieden, durch Christus, unseren Herrn.
6.2. Rituale im Zusammenhang mit Tod
Blumen vor einem Bild
Kondolenzbuch, Brief an die Hinterbliebenen
Grabbesuch, bzw. Aussegnungshalle
Lieblingslied des Verstorbenen während der Beerdigung
Blumen, Weihwasser, Erde auf den ins Grab gesenkten Sarg
6.3. Schwere Erkrankung eines Lehrers
Gemeinsames Morgengebet der ganzen Schule
Brennende Kerze, die während der Zeit der Krankheit für alle sichtbar im Schulhaus steht
Besuch einer Delegation am Krankenbett
6.4. Gebet für den Frieden in der Welt
Stilles Gebet um den Frieden: Sprechende Zeichen und Schweigen angesichts unfassbaren Leids drücken oft mehr als Worte aus: Alle Anwesenden haben Gelegenheit, in der Stille eine Kerze anzuzünden, sie an einem zentralen Ort in Kreuzesform aufzustellen und schweigend zu beten.
Friedenscard: Ein Friedensgebet wird so formatiert, dass es auf 160gr-Karton gedruckt bzw. kopiert werden und auf Scheckkarten-Format zurechtgeschnitten werden kann.
7. Phantasiereise: Die Kunst des Zuhörens
7.1. Hinführung zur Entspannung
Auf die Atmung achten, die Schwere des Körpers fühlen, achten, wie das Blut den Körper durchströmt und mit allem Lebensnotwendigen versorgt, die Wärme spüren, die Ruhe genießen.
Aus einem Musikstück Instrumente heraushören oder Geräusche identifizieren oder einfach auf die Geräusche draußen, im Raum oder im Körper hören.
Einmal ganz Ohr sein.
7.2. Einfühlung: Meine Ohren
Bevor ich am Morgen meine Augen öffne, höre ich. Über die Ohren bin ich eher und früher mit meiner Umwelt verbunden als über die Augen.
Meine Ohren kann ich nicht so verschließen wie ich meine Augen mit den Lidern zuklappen kann. Wenn ich sie schon nicht verschließen kann, so kann ich sie aber wenigstens auf Durchzug schalten; ich kann mir aus dem, was ich höre, das herauspicken, was ich hören will.
Manchmal aber überhöre ich auch wichtige Dinge. Richtig zuhören, das ist eine Kunst - so zuhören, dass ich merke, was mir der oder die andere auch zwischen den Zeilen des gesprochenen Wortes mitteilen will, so zuhören, dass ich mir nicht schon eine Antwort zusammenzimmere, bevor der andere fertig ist.
7.3. Phantasiereise: Der Waldspaziergang
Ich lade dich jetzt zu einem kleinen Spaziergang ein. Er findet nur in deiner Phantasie statt: Du hast viel Zeit. Nichts kann dich stören. Nichts nimmt dir die Ruhe. Du beschließt - vielleicht zum ersten Mal nach längerer Zeit - einen Spaziergang durch den Wald zu machen.
Du bist jetzt im Wald angelangt. Es ist ganz ruhig. Kein Wort ist zu hören, nur das Geräusch deiner Schritte. Ist es wirklich ganz ruhig? Was hörst du im Wald? Freut dich das, was du hörst?
Dein Weg führt dich an einem ruhigen Waldsee vorbei. Die Oberfläche ist spiegelglatt. Du wirfst einen Stein hinein. Es plätschert und klingt wieder ab. Dann kehrt völlige Ruhe ein. Du bleibst eine Weile stehen.
Du gehst weiter. In der Ferne taucht eine Lichtung auf. Da steht eine Hütte. Ein Mensch sitzt davor. Er ist dir nicht unbekannt. Du magst ihn, denn er kann so wunderbar zuhören. Er sieht aus, als habe er auf dich gewartet. Stell dir diesen Menschen vor.
Du gehst auf ihn zu. Ihr sitzt nebeneinander. Dieser Mensch ist bereit, dir zuzuhören. Er wird dich nicht unterbrechen; er interessiert sich ganz für dich. Was erzählst du ihm? Welche Gedanken teilst du ihm mit? Was beschäftigt dich so sehr, dass du es einmal loswerden willst?
Der Mensch, mit dem du geredet hast, versteht dich. Du beendest die Begegnung und machst dich wieder auf den Weg.
Die Stille, die vertraute Stimmung des Waldes, die Welt, die dich umgibt, spricht ihre eigene Sprache. Du hörst ihr, während du gehst, zu.
Nun kommst du wieder aus dem Wald heraus. Dein Spaziergang geht zu Ende. Welche Eindrücke hinterlässt er bei dir? Konntest du dich erholen, konntest du anders hinhören als du es gewöhnlich tust?
7.4. Vertiefung: Zuhören wie Momo (evtl. auch weglassen)
Hinhören, zuhören ist eine Kunst. Eine Geschichte bringt uns diese Kunst näher. Die Hauptperson darin ist Momo aus Michael Endes gleichnamigem Roman. Momo ist ein ganz normales Mädchen, eines unter vielen. Doch eine besondere Eigenschaft hatte sie, von der jetzt zu erzählen ist:
Text zu finden in: Michael Ende, Momo, K. Thienemanns Verlag /Stuttgart 1993, 15f.
7.5. Abschluss
Zuhören ist eine Kunst.
Wer mir zuhört,
... zeigt mir Aufmerksamkeit und Zuwendung,
... achtet mich und lässt mich einzig sein,
... hilft mir, dass ich mich selbst erkenne.
Zuhören ist eine Kunst.
Du hast dich jetzt ganz auf das Hören konzentriert, du warst ganz Ohr, hast auch auf deine innere Stimme gehört.
Lass langsam wieder Leben, Bewegung in deinen ganzen Körper kommen, bewege deine Finger, die Hände, die Arme, den kopf, recke und strecke dich, und richte dich langsam wieder auf.
8. Wer bin ich? - Meine Prägungen
Es gibt eine Graphik, die zunächst wie ein Finderabdruck aussieht, und wenn man sie von einiger Entfernung betrachtet, erkennt man ein Gesicht. Dazu liegen den Schülerinnen folgende Fragen vor:
8.1. Welche Personen haben mich geprägt?
8.2. Was aus meinem Umfeld hat mich geprägt, z.B. Dorf, Freunde, Clique, Schule, Schulart, Kirche/Konfession, soziale Herkunft?
8.3. Welche Erlebnisse haben sich mir eingeprägt?
8.4. Was tue ich besonders gern? In welchem Bereich kenne ich mich besonders gut aus? Welche Fähigkeiten sind bei mir besonders ausgeprägt?
8.5. Welche charakterlichen Eigenschaften sind bei mir besonders ausgeprägt, positiv wie negativ?
9. Mein Lebensbaum
Das Foto eines großen, breit gewachsenen Laubbaumes befindet sich in der Mitte eines Arbeitsblattes. Um dieses Bild herum sind folgende Fragen aufgeschrieben:
9.1. Krone: Wonach strecke ich mich aus? Was sind meine Wünsche, Ziele, Träume? Was ist für mich die "Sonne", die Lebensenergie?
9.2. Äste: Wohin reichen meine Äste? Wem gebe ich Halt? Gibt es bei mir Äste mit Spitzen, die verletzen können?
9.3. Früchte: Welche Früchte hat mein Leben bisher getragen?
9.4. Wurzeln: Was sind meine Wurzeln? Worin stehe ich? Worauf stehe ich? Wer oder was gibt mir Halt?
9.5. Dürre Blätter und Äste: Wovon habe ich mich bereits verabschiedet? Wo gab es Misserfolg? Durch welche Entscheidung musste ich was aufgeben?
10. Stilleübungen
10.1. Kerzenflamme
In der Kreismitte steht eine brennende Kerze. Es läuft meditative Musik. Die Schülerinnen betrachten die Flamme und versuchen sie einfach wahrzunehmen. Gedanken kommen und gehen. Die Aufmerksamkeit kehrt wieder zur Kerze zurück.
10.2. Hören, was der Tag erzählt
Die Schülerinnen lauschen mit geschlossenen Augen den Geräuschen (drinnen und/oder draußen, bei geschlossenem oder offenem Fenster). Sie erzählen, was sie gehört haben.
10.3. Wann der Ton verklingt
Eine Klangschale wird angeschlagen. Alle lauschen, bis sie nicht mehr hören.
10.4. Eine Minute
Alle stehen. Der Spielleiter gibt vor, jeder solle seinem Gefühl folgen und selbst ermessen, wie lange eine Minute dauert, natürlich ohne dabei auf die Uhr zu schielen. Wenn jemand glaubt, die Minute sei um, soll er/sie sich setzen. Der Spielleiter behält im Auge, wer der Minute am nächsten gekommen ist.
11. Körperübungen
11.1. Auf dem Marktplatz - Begrüßung der Nationen
Mit den Augen auf den Boden fixiert - zaghaft aufschauen - einer Person flüchtig in die Augen blicken - sich länger in die Augen schauen - sich mit Handschlag begrüßen - sich freundschaftlich auf die Schultern klopfen - sich, wie alte Freunde es tun, in die Arme fallen - Bruderkuss der Russen - zwei coole Jugendliche - Eskimos, die ihre Nase aneinander reiben ...
11.2. Luftpumpe
Wenn am Ende eines Schultages die "Luft raus" ist: Eine Schülerin presst mit einer imaginären Pumpe Luft in die Partnerin ein. Diese lässt Kopf und Arme einfach locker nach unten hängen und erhebt sich im Rhythmus der Pumpbewegungen langsam nach oben, bis die Arme und Finger ausgestreckt nach oben zeigen. Dann wird so viel Luft abgelassen, bis die betreffende Person wieder entspannt da steht. Anschließend wechseln die Rollen.
11.3. Atem
Normalerweise atmen wir unbewusst; häufig ist dieses Atmen flach, das heißt wir atmen in den Brustraum, aber nicht in den Bauch, geschweige denn in die Flanken:
Stell dich mit beiden Beinen fest auf den Boden, ohne den Wechsel Standbein - Spielbein. Die Füße stehen dabei in Beckenbreite voneinander entfernt. Richte deine Wirbelsäule auf. Halte deinen Kopf so, dass du darauf ein Buch legen könntest, das nicht herunterfällt.
Halte deine Hände auf deinen Bauch und achte darauf, ob sich die Bauchdecke beim Einatmen ausdehnt und beim Ausatmen einzieht. Atme durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Halte nach dem Ausatmen den Körper ein wenig in diesem Zustand; dann lass das Einatmen von selbst wieder kommen.
11.4 Reise durch den Körper
11.4.1. Hinführung: Entspannung, Achten auf Atem, Gedanken wie Wolken kommen und gehen lassen, ihnen nicht folgen, Schwere des Körpers spüren
11.4.2. Einladen, sich auf die Reise durch den Körper zu machen: Füße, Waden, Knie, Becken, Gesäß, Unterleib, Bauch, Brust, Rücken, Flanken, Wirbelsäule, Hände, Finger, Arme, Schultern, Hals, Gesicht, Kopf ...
11.4.3. Stell dir vor, du würdest zwei Meter über dir schweben und dich hier liegen sehen. Was geht dann in dir vor? Kennst du diesen Menschen, seinen Körper, sein Denken, seine Gefühle?
11.4.4. Rückführung: Und jetzt fühle noch einmal in deinen ganzen Körper hinein und achte auf deinen Atem, spüre, wie das Blut deinen ganzen Körper durchströmt und mit allem Lebensnotwendigen versorgt, spüre die Wärme deines Körpers.
Nun komm langsam wieder hierher zurück. Mach kleine Bewegungen mit den Fingern, den Händen. Hebe deinen Kopf und spüre Hals und Wirbelsäule. Öffne deine Augen. Recke und strecke dich, stöhne und seufze! (Hinweis: Das hierbei entstehende Gelächter trägt zum Aufwachen und Entspannen bei!) Steh dann ganz gemächlich auf.
|